Meine iranischen Freunde…

Claudia, eine unserer Lehrerinnen, berichtet über ihr Engagement gegen Dublin-Abschiebungen:

Meine iranischen Freunde lernte ich Anfang des Jahres im Deutschkurs Traiskirchen kennen, wo ich regelmäßig unterrichtet habe.

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Es war eine Gruppe, mit der ich mich sehr gut verstand: Ein Mathematiker, ein Künstler, ein Maler, ein Sänger, ein Filmemacher, ein Bergführer und Fotograf (Namen möchte ich bewusst nicht nennen). Sie sind zum Christentum konvertiert und aus Angst vor religiöser Verfolgung nach Europa geflüchtet.

Sie kamen am ersten Tag nach ihrer Ankunft sofort in den Unterricht und waren sehr entschlossen, unsere Sprache und Kultur kennenzulernen. In weiterer Folge besuchten wir viele Museen in Wien bis sie relativ bald in andere Bundesländer transferiert wurden.  Doch das tat unserer Beziehung keinen Abbruch. Von Wien aus kontaktierte ich eine Kirche in ihrer Nähe, aktivierte meine ehemalige Studienkollegin in Graz, Diese wiederum hatte ihre Schwägerin in dem steirischen Ort, wo der Künstler und der Maler gelandet waren und so konnte ich ihnen ein Stück Vertrautheit an ihrem neuen Ort ermöglichen. Zufällig wurde der Mathematiker ebenfalls in die Steiermark verlegt nicht weit von den beiden anderen. Er wohnte nun in einem kleinen Dorf bei Judenburg, ohne Deutschkursmöglichkeit in der Nähe Ich schickte ihm einen Laptop, mit dem er im Selbststudium Deutsch lernen konnte, die Aussprache übten wir am Telefon.
Später konnte ich dem Künstler und dem Mathematiker sogar eine gemeinsame Privatunterkunft bei einer lieben Familie in einem Landgasthof organisieren.

Ich schreibe das, da es in der Freiwilligenhilfe für mich nicht nur um das Beibringen von Sprache geht, sondern es entstehen anhaltende Freundschaften fürs Leben. Man gibt viel und man bekommt viel.

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Der Filmemacher wurde schon im Sommer nach Kroatien abgeschoben, jetzt sind alle restlichen Freunde von den Dublin Abschiebungen betroffen. Aufwendige Dokumentationen über eine nachweisliche Integration (mit vielen Freundschaftsschreiben und Fotos von gemeinsamen Unternehmungen) nützten gar nichts, trotz einer Jobzusage eines internationalen Konzerns für den Mathematiker (und Computerprofi) im Falle einer Arbeitserlaubnis.

Der Mathematiker hatte beim ersten Interview auf die Frage, über welche Länder er gereist war, angegeben, er wisse es nicht. Doch der Dolmetscher kreuzte automatisch Kroatien an mit der Bemerkung, es müsse ja oder nein sein, weiß nicht geht nicht. Viele andere Flüchtlinge, die zur gleichen Zeit nach Österreich kamen, erklärten in ihrem Erstinterview, sie hätten nicht gewusst, durch welche Länder sie gereist seien. Diese Flüchtlinge wurden in Österreich zum Asylverfahren zugelassen. Dieses Kreuzerl war letztendlich die Ursache dafür, dass er ins Dublin-Verfahren fiel, und jetzt nach Kroatien abgeschoben werden soll.

Das Engagement der betroffenen Geflüchteten, Deutsch zu lernen, sich zu integrieren und auch das Engagement der Helferinnen wird durch diese Abschiebungen mit den Füßen getreten. Erst hat sich der Staat lange auf die  Hilfsbereitschaft der Freiwilligen verlassen, nun werden wir durch Missachtung unserer Arbeit und Gefühle gestraft….das war nun eindeutig zu viel für mich und das hat mich letztendlich dazu getrieben, einen Text für eine Petition zu schreiben, der dann in gemeinsamer Ausformulierung mit Fanny Dellinger und Gleichgesinnten der Bewegung Mitmensch rasch als Online-Petition „STOPP von Dublin III Abschiebungen nach Kroatien“ starten konnte…

Claudia Schumm, 17.10.2016

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